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2025

Höre, Israel!

Ich versuche das für mich große Wagnis, an Stelle eines reflexhaften und auch ausgehöhlten, formelhaften Kampfs gegen Antisemitismus, der jedoch leider immer noch sehr nötig ist, alle Opfer des Gazakrieges in den Blick zu nehmen. Ich versuche es, hier, es ist ja nur geschrieben, Geschriebenes tut niemandem weh:

Schmerz verheißen dagegen breitbeinige Herrenmenschen in palästinensischen Siedlungen, mehr Einschüchterung geht von keinem Körper aus, der irgendwo steht, doch dieser Körper steht im Irgendwo, in fremdem Leben, auf fremdem Grund.

Wir aber hangeln uns von einer Antifaschismus-Demo zur nächsten, schleppen uns im Chor der Gleichgesinnten, die nur auf Gutes sinnen, über die Straßen. Von irgendwoher schreit eine Gegendemonstration, aber wir stehen bomben-fest auf unserer anständigen Gesinnung, die ausnahmsweise wirklich anständig ist, sich nicht nur als solche herausgeputzt hat. Wir meinen es ernst und ehrlich, wir meinen es gut mit allen Seiten, aber mit einer etwas mehr, sehr viel mehr. Israel muß leben, die Palästinenser soll man aber auch leben lassen. Haben wir nicht große Opfer aufeinandergehäuft, indem wir große Teile der europäischen Judenheit (na ja, es waren unsere Eltern und Großeltern, die das getan haben, doch wir nehmen sie auf uns, vor Rechtschaffenheit in diesem kollektiven schuldhaften Wir) vernichtet haben wie Ungeziefer? Wir stehen zurecht da, auf sicherem Grund, den wir uns aber durch kein Opfer verdient haben, den uns aber auch niemand streitig macht, sonst würden wir nicht immer wieder und zu Recht, es ist unsere Pflicht! aufstehen gegen Rechts und Antisemitismus, wir sind dabei! Wir sind da immer dabei, wie die lieben Soletti-Salzstangerln!

Dienen sollen diesem edlen Ziele andre, wir sind ja nicht dort, sondern hier, und zahlen sollen sie auch noch, mit der Zerstörung ihrer Häuser, der Schleifung ihrer Siedlungen, dem Tod von Zehntausenden, mehrheitlich Frauen und Kindern. Für unsere philosemitische Symbolpolitik, in der wir uns wohlig einrichten, wir sind ja die Guten, ist das ganz schön viel Arbeit. Zum Glück müssen wir sie nicht machen. Immer andere müssen es machen.

Doch der moralische Schutzwall, den wir, um unserer, der Nachgeborenen Rechtschaffenheit auch ordentlich zu beweisen (und uns bequem darin zu suhlen, gestorben wird ja woanders), errichtet und, wenn es um nichts geht, für uns geht es ja auch um nichts!, schön geschmückt und mit unserem Eifer bemalt haben, dieser Wall muß teuer bezahlt werden: Siedlerkolonialismus unter Mißachtung von Völkerrecht und Menschenrechten, ethnische Säuberung für ein gelobtes Land, das allen Juden gehört, ja, allen, aber sonst niemandem, egal, wer vorher dort gelebt hat. Die noch da sind, müssen alle weg. Die jetzt noch woanders sind, sollen kommen. Sie allein gehören dort hin, sonst niemand, höre, Israel! Du bist Alleinherr! Der Ewige, unser Gott, ist eins. Wir sind uns doch einig? Nur einer, nur unsrer soll es sein, und hier in diesem geschundenen Land soll er wohnen. 

Israel ist, verglichen mit den arabischen Despotien, ein demokratisches Land mit freien Wahlen, und die Politik eines verbrecherischen Bibi (was für ein netter Kosename!) Netanyahu wird wohl nirgends so bekämpft wie in Israel selbst, von Demokraten, die gegen diese rechtsextreme Regierung aufstehen, immer wieder. Und nur diese Menschen, die da auch über die Straßen ziehen, wie wir, haben das Wohl der Geiseln im Auge, die es ja noch gibt, wer weiß, ob sie noch leben. Hauptsache, Bibi sitzt fest im Sattel!

Doch der Inhalt einer einzigen Internetausgabe der israelischen Tageszeitung Haaretz reicht aus, um den Bogen von den historischen Plänen zur Annexion Gazas (unter "Ausdünnung" seiner Bevölkerung) nach dem Sechstagekrieg, die jetzt, zum heuchlerischen Erstaunen der Öffentlichkeit, Realität zu werden drohen, bis zu den Vertreibungsphantasien und der entsprechenden Kriegsführung der Regierung Netanyahu zu spannen.

Und dazu die faktisch bedingungslose Israel-Solidarität Deutschlands und Österreichs, der ehemaligen Täterländer, die aber mit immer größer werdenden wirtschaftlichen Interessen auftreten (Kurz-und-Klein-Schlagen nehmen die Profiteure in Kauf, sie müssen ja nicht um Boden kämpfen, der Boden wird ihnen schon fertig aufbereitet und serviert für ihre Geschäfte und die andrer. Irgendwann werden hier Luxushotels stehen! Wer könnte das nicht wollen!). Die von den Nazis zerstörten Leben der europäischen Juden werden als neue Währung auf den Tisch der Geschichte geworfen, diesmal zahlen andre, darunter eine Unzahl genauso Unschuldiger. Hören Sie: Nicht alle Palästinenser sind Hamas-Sympathisanten, nicht alle Palästinenser setzen auf einen Terror, der ja auch gegen sie ausgeübt wird.

Die faktisch bedingungslose Solidarität mit Israel als Doktrin der Außenpolitik unserer Länder, die zur Staatsräson erklärt wurde, das ist aus dem berühmten, aber leeren "Nie Wieder" geworden, eine leere Schrapnellhülle, ein mit Bombenteppichen belegter Boden, auf dem nichts mehr wächst und nichts mehr aufsteht, aber unseren rechtschaffenen Bürgern, die auf der richtigen Seite sind, wie immer, die Füße wärmt.

Wir, die es wagen, sowas und ähnliches zu schreiben, sollten uns, an Stelle einer nur reflexhaften, geschichtsgeblendeten und unreflektierten "proisraelischen" Position der Politik und Öffentlichkeit unserer Länder, besser an der Seite der verzweifelten Bemühungen israelischer Menschenrechtsgruppen wie z.B., des israelischen Informationszentrums für Menschenrechte in den besetzten Gebieten stellen, die unausgesetzt ignoriert oder desavouiert werden.

Bis auch noch die letzte Geisel tot ist. Von den immer noch schmachtenden Geiseln ist nämlich immer weniger die Rede, als hätten sie sich alle in Luft aufgelöst. Wie die europäische Judenheit im Rauch der Konzentrationslager. In der Vergangenheit haben immer wieder Politiker (Kreisky, Brandt und wenige andre) versucht, dieser geschundenen Region Frieden zu verschaffen. Dem Frieden dienen wir derzeit nicht.

Der ist offenbar derzeit nicht zu schaffen ohne Waffen. Aber Frieden wird er sich dann nicht mehr nennen dürfen. Er muß aber zu schaffen sein, endlich ohne Waffen.

(Dank an Daniel Eckert, der mir seine Recherchen zur Verfügung gestellt hat).


Veröffentlicht am 02.04.2025 auf elfriedejelinek.com