Die Zeit flieht

für meinen Orgellehrer Leopold Marksteiner

Ich war noch sehr jung, als ich bei Leopold Marksteiner ein Orgelstudium begonnen habe. Ich war dreizehn Jahre alt. Für das Kind, das ich ja noch war, aus komplizierten, belastenden familiären Verhältnissen kommend, die es damals und wahrscheinlich bis heute nicht abstreifen konnte, ist es sehr schwierig gewesen, diesen eigentlich für Erwachsene gedachten Unterricht eines großen Meisters allein psychisch überhaupt durchzustehen. Für die Aufnahmsprüfung hat man mich, die ich darauf gar nicht vorbereitet war, aus meiner Schulklasse herausgeholt. Irgendwie hat man da dauernd überlastete Sicherungen, es ist, als würde das Wesen total überfüllt mit Informationen, die einen suchen, und vor denen man gleichzeitig, um sich zu retten, fliehen muß, weil man sonst durchknallt von all dem vielen Strom, der durch einen hindurch- schießt. Paradox. Als wäre die Musik (bei mir dann später, sozusagen als Endstation: die Sprache) die Erde, auf der man geht, aber vor diesem Grund, auf dem man sich bewegt, möchte man immer wieder davonlaufen, was naturgemäß nicht möglich ist, weil man ja sonst ins Bodenlose stürzen würde.

Man geht also auf etwas herum, auf einem Grund, vor dem man flüchten möchte, was eben unmöglich ist. Aber was man tut, während man suchend auf den einen, so sehr gesuchten Ort zugeht, den man aber nie findet (man steht ja drauf!): man bleibt fremd. Weiß aber nicht warum. Denn das da unter den Füßen, das sieht man nicht. Es wird von einem selbst verdeckt. Ich glaube, auch wenn dem Professor, damals selbst noch ein junger Mann, der sicher wenig Erfahrung mit Kindern gehabt hat, diese fundamentale Fremdheit seiner Schülerin bewußt gewesen ist (und die Musik wiederum, die schon seit vielen Jahren, seit frühester Kindheit, von ihr, der Schülerin, ausgeübt worden war, war ja einer der Hauptgründe für diese Fremdheit - allein die völlige Verständnislosigkeit der schicken Mädchen der sechziger Jahre in ihren Partykleidern, mit ihren aufgetürmten Frisuren und Bleistiftabsätzen gegenüber einer zum Orgelunterricht eilenden Schulkollegin, die womöglich noch Geige und Bratsche und eine schwere Notentasche an sich irgendwie angebracht hatte! In diesem Alter ist das wie ein Riß durch die Welt, die sich eh schon zu schnell dreht und der man, wie gesagt, eben nicht davonlaufen kann), so hat er doch, in einem guten, im besten Sinn des Wortes, darauf nicht geachtet. Oder jedenfalls nicht so, daß ich es gemerkt hätte. Daß ihm das alles vollkommen klar gewesen ist, hat er mir erst viele Jahre später gesagt.

Er hat damals jedenfalls seiner Schülerin einen Ort angeboten, an dem die Welt zwar auch nicht langsamer war, an dem man ihr aber etwas entgegensetzen konnte: eine Hörbarkeit des Zeitablaufs. Das, was Musik ist. Ich meine nicht das gurgelnde Verschwinden von Zeit im Abfluß des Radios, des Plattenspielers, später des CD-players, sondern Zeit, die man, in ihrem Verlauf, hören konnte und gleichzeitig selber steuerte, Zeit, die man, in ihrem Ablauf, sorgfältig gliedern mußte, damit man sie nicht verlor (rhythmisch bleiben! Wie hat mich Leopold damit geschunden! Was an der einen Stelle weggenommen wird, das muß an der anderen wieder dazugegeben werden, sonst fällt alles um). Ich bin beim Spielen ja unentwegt immer schneller geworden, als wäre mir mein eigener Pulsschlag vorausgeeilt. Da hat der Professor mich entschlossen, und manchmal mit etwas scharfen Worten, wie soll ich es sagen: eingebremst. Das ist ihm allerdings einmal nicht gelungen, weil er halt nicht neben mir gestanden ist, als ich im Mozartsaal Messiaens „les yeux dans les roues" gespielt habe, in einem Affentempo, bei dem nun ich ganz allein, an seiner Statt, dann buchstäblich neben mir gestanden bin und mir entsetzt bei meinem grausigen Höllengalopp zugeschaut habe, keine Ahnung, wohin ich wollte, aber jede Sekunde habe ich erwartet, diesmal das Ziel zu verfehlen, buchstäblich ins Nichts katapultiert zu werden und mir womöglich dabei selber auch noch entgegen- zukommen, nach dem Verlassen des Raum-Zeit-Kontinuums, na, physikalisch ist das jetzt sicher ein Blödsinn, und außerdem übertreibe ich. Aber damals habe ich immerhin bereits von Anfang an viel zu schnell losgelegt und durfte natürlich, ich wollte ja des Lehrers Ratschlag zu befolgen suchen, diesmal wiederum nicht langsamer werden. Mitgefangen, mitgehangen. Die Musik, die ich ja selbst auf dem Instrument erzeugte, lief neben mir her und schnappte ab und zu böse nach meinen Waden, welche, im Davonlaufen, entsetzt die Pedale traten. So kehrt sich Geschaffenes manchmal nicht nur gegen seinen Schöpfer, sondern auch gegen den Mechaniker, der es zum Laufen bringen soll. Aber doch bitte nicht so schnell! Ich sagte mir, du mußt es können und du wirst es, nein, umgekehrt, du wirst es können und du mußt es. Daß ich beim Abgehen laut „Scheiße" gerufen habe, das sage ich hier nicht, das kann der Leopold selber erzählen, wenn er will.

Da können wir sie also vom laufenden Meter abschneiden, die Zeit, die sich gleichzeitig dem eigenen Ablauf, dem Ablauf derselben Zeit, entgegenstellt, sodaß man für einen Moment glauben kann, zur Ruhe gekommen zu sein, aber das ist dann nur der Augenblick der gebündelten Energie, wenn die Zeit, die man erzeugt, mit der Zeit, in der man lebt, in eins zusammenfällt. Wie einer, der geht und sich ausruhen möchte, das aber nicht kann, weil er merkt, daß er die ganze Zeit schon dort war, wo er ankommen wollte, und, anstatt daß er endlich sein Jausenpaket auspacken kann, entsetzt von seinem Sitz aufspringt. Zufriedenheit im Ausruhen gefällt der Musik nicht. Nein, man kann sich in der Musik nie ausruhen, weil ja auch in den Pausen immer das ganze drinnensteckt. Die Pause ist ein Loch in der Zeit, und die Zeit bleibt, wie gesagt, nie stehn. Sie läuft zwar in zwei entgegengesetzte Richtungen gleichzeitig, aber stehen bleibt sie nicht. Die Musik. Etwas, genau diese Zeit, bewegt sich in einem, auch wenn sie einmal innehält, und man ist gezwungen, immer nur auf den einen Ort zuzugehen, wo man diese Bewegung in sich, während man selber auch arbeitet, aber sich dabei nicht von seinem Platz fortbewegt, wo man also diese Bewegung, die in einem herumrast, daß es einen fast zerreißt, konservieren kann, aber nicht um endgültig zur Ruhe zu kommen, sondern um in dieser Bewegung, Bewegung im Stillstand, bleiben, ausharren zu können.

Musik macht einen fremd, obwohl ja alle dauernd Musik hören, der eine dies, der andre das, man kann sich ja kaum vor ihr retten, sie ertönt einfach überall, manchmal fast nur noch als Wummern von Bässen, und trotzdem: wenn man sie selbst erzeugt, die Musik, wird man dabei, auch für sich, gleichzeitig etwas Fremdes, nicht so fremd, wie die Komponisten es gewesen sind, aber doch, denn ihren Rufen folgt man schließlich, und wohin sie einen locken, das sollte man wissen, wenn man ordentlich geübt hat (o je!), aber wenn wir dort angelangt sind, dann bricht eben auf einmal dieser Boden unter uns ganz weg, wir sind selber ganz weg, und wir wissen, daß wir nicht mehr gemütlich unter uns sind, sondern daß das, was unter uns ist, sich bewegt - wie die Zeit. Keine Rettung. Danke für diese Erfahrung an Leopold Marksteiner.


Fotos: Ferdinando Scianna (Magnum)

 

Aus einer Festschrift zum siebzigsten Geburtstag Leopold Marksteiners.



Die Zeit flieht © 1999 Elfriede Jelinek

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